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Buona sera signor Ermotti

gekürzte Version publiziert im eSPress, am 18.2.2015

als Antwort auf Ermottis 5-Pfeiler-Strategie zur Stärkung der Schweiz
http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/konjunktur/Ein-Erfolgsmodell-ist-gefaehrdet/story/12003949

 

Buona sera signor Ermotti

 

Endlich, Herr Ermotti. Endlich sind Sie von Ihrer Parallelgesellschaft herabgestiegen und mischen sich in die Politik ein. Das wünschen wir uns schon lange. Endlich sagt uns wieder mal ein Wirtschaftskapitän, was wir zu tun haben. Volksnah, so wünschen wir uns das.

Wir haben da auch grosses Verständnis. Nach all den mühseligen Jahren mit Milliardenverlusten soll es nun wieder vorwärts gehen. Die Politik hatten Sie ja bereits 2008 wiederentdeckt, als der Staat Sie mit Milliarden* vor dem Untergang retten musste, weil Sie unglücklicherweise auf die falsche Richtung der Preisentwicklung im US-Immobilienmarkt gewettet hatten. So ein Pech aber auch. Dazu schmelzen Ihnen Ihre leistungsfreien Gewinne der Vergangenheit weg wie Schnee an der Sonne: Geschäfte mit Steuerbetrügern, Libor-Zinsmanipulationen, Währungsmanipulationen und dergleichen. Und dann diese üblen und unverschämten Milliarden-Bussen! Ihnen blieb wirklich nichts erspart.

Da wundern wir uns nicht, dass Sie nach neuen leistungsfreien Gewinnen Ausschau halten müssen. Steuersenkungen müssen her. Das rettet Ihre miese Eigenkapitalrendite, die weit unter 10% liegt. Und mit dieser Strategie waren Sie ja in den letzten Jahren bereits erfolgreich.

Ganz schön clever, dass Sie sich wieder mit den gleichen SVP-, FDP- und CVP-Politikern verbünden, die Ihnen in den letzten zehn Jahren mehrfach zu solchen Steuergeschenken verhalfen. Sie denken da sicher an die Unternehmenssteuerreform II: Das Kapitaleinlageprinzip, das die Steuerzahler ja nur lächerliche Milliarden kostet.

Oder Sie denken vielleicht an den Kanton Zürich, wo Ihnen die FDP-Finanzvorsteherin Frau Gut zu einer Halbierung der Kapitalsteuer verhalf. Diese Steuer auf dem Eigenkapital ist ja auch in Zeiten, wo dieses wegen dem Too-big-to-fail-Kram erhöht werden soll, ganz schön lästig.
Ich will ja nicht reklamieren, denn mir als KMU mit 29 Mitarbeitenden hat das auch ganz schön geholfen: Immerhin finanziert mir die Kapitalsteuerhalbierung ein halbes Weihnachtsessen mit meiner Belegschaft. Dass das vor allem den Firmen mit den fetten Bilanzen eingeschenkt hat, wie die von Ihnen und Ihrer Konkurrenz, das finde ich, mussten wir KMU gefälligst in Kauf nehmen.

 

Also die Stadt Zürich hat diese beiden Steuerreformen zusammen mit der Abschaffung der Handänderungssteuer schlappe 300 Millionen Franken jährlich an Steuereinnahmen gekostet. Das sind ja nur mickrige 20 Steuerprozente, um welche wir dem Mittelstand die Einkommenssteuern nicht senken konnten. Das verkraftet der Mittelstand locker. Wieso sollten auch die Arbeitnehmenden in der Schweiz Ihnen Ihre Steuergeschenke nicht refinanzieren wollen? So etwas denken sich nur realitätsfremde Linke und Gewerkschaften aus. Schliesslich haben die Arbeitnehmenden auch eine Erhöhung der Lohnnebenkosten, der Gebühren und der Mehrwertsteuer hingenommen. Die Arbeitnehmenden verstehen eben noch, dass das Kapital entlastet werden muss in diesen für die UBS schwierigen Zeiten.

Mindestlohn, Sicherung des Existenzminimums und der Arbeitsplätze – das sind doch alte Zöpfe von altlinken Ideologen. Heutzutage muss man ein Minimum an Eigenkapitalrendite sichern, damit es allen gut geht. Und Sie, Herr Ermotti, sind ja ein Mann der Prinzipien und haben schliesslich Ihre Ziele. Wie sagten Sie so schön vor ein paar Tagen in der Finanz & Wirtschaft:

«Wir hatten bereits vor einem Jahr kommuniziert, dass wir das Ziel einer Eigenkapitalrendite von 15% dieses Jahr kaum erreichen können. Wir glauben, 2015 an die 10% herankommen zu können. Danach streben wir eine Rendite auf dem materiellen Eigenkapital von über 15% an. Dies ist eine Herabsetzung des Ziels, die sich an den neuen Realitäten orientiert und Vergleichbarkeit mit den Zielvorgaben anderer Banken herstellt.»

Lustig, dass Sie von Zielvorgaben im plural reden. Dabei ist die Eigenkapitalrendite doch nur ein einziges Ziel, dem man alles weitere unterordnen kann, ja muss. In den 90er Jahren nannte man das noch Shareholder-Value. Eine einzige Kennzahl, ein einziges Ziel macht es natürlich auch viel einfacher für Sie: das reduziert Komplexität. Sehr geschickt. Da lässt sich doch ein Riesendampfer wie Ihre UBS gleich besser steuern in Zeiten wo der Finanzmarkt, wohl auch für Sie, so verwirrlich geworden ist.
Ich muss einfach zugeben, dass Sie recht bescheiden geworden sind. Noch vor der Finanzkrise war der von Joe Ackermann gesetzte Benchmark 25% Eigenkapitalrendite. Und wenn der «Markt» etwas erwartet, dann darf  man ihn keinesfalls enttäuschen. Freuen soll er sich! Und mit ihm die Eigentümer.

Mit ein paar ordentlichen Steuersenkungen sind diese bescheidenen 15% ja auch nicht ganz unrealistisch. Dazu müssen natürlich die Stempelsteuer und die drohende Kapitalgewinnsteuer weg, und dafür die Unternehmensteuerreform III her. Nicht, dass man noch etwas Echtes leisten müsste für solche Renditen. Wo kämen wir da denn hin?

Und dann muss natürlich diese drohende Erbschaftssteuer weg. Da verstehe ich Sie gänzlich. Sie müssen natürlich Ihre superreichen Kunden, die ihre Vermögen allesamt mit hartem Fleiss erarbeitet haben, vor dem bösen Fiskus beschützen. Und die AHV soll gefälligst über die Löhne finanziert werden, doch nicht etwa vom Kapital, das Sie verwalten.

Besonders raffiniert an Ihrer Strategie ist, wie Sie das verkaufen. «Wirtschaftsfreundlich» und «Standort-Attraktiv» sei das. Natürlich profitieren weder Arbeitnehmer, KMU, Zulieferer und sonstige Wirtschaftsteilnehmer davon. Nur den Kapital-Eigentümern nützt Ihre Strategie. Aber «eigentümerfreundlich», das klingt so abstrakt, auch wenn es das beschreibt, was es ist. Besser ist schon, wenn man leistungsfreie zusätzliche Gewinne als «wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen» verpackt. Diese klitzekleine Ungenauigkeit, die merkt ja sowieso keiner. Irgendwie glauben die Leute ja am Ende doch, es würde allen nützen. Oder, Herr Ermotti?

Und wo kämen wir da denn hin, wenn Sie sich als Bittsteller gegenüber dem Mittelstand hinstellen müssten? Der muss ja dann Ihre geforderten Steuerbegünstigungen refinanzieren. Nein, das wäre allzu würdelos, das kann man nicht von Ihnen verlangen. Von Ihnen – also von Ihrer UBS – verlangt ja auch niemand, dass Sie in Zürich endlich wieder einmal Steuern zahlen, obwohl Sie das seit 2008 nicht mehr tun.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will damit nicht sagen, Sie seien nach Steuerreform-, Bussen-, Manipulations-, Staatsrettungs-Debakel und Kapitän einer nicht-steuerzahlenden Unternehmung nicht berechtigt nach Steuersenkungen zu rufen. Denn seien wir doch ehrlich: Die Alternative zu Steuersenkungen für Grosskonzerne statt für den Mittelstand wären für die UBS Kostensenkungs-Programme mit Entlassungen. Irgendwie müssen Sie ja ihre Ziele erreichen. Das erwarten die Eigentümer und Ihre High-Net-Worth-Individuals-Kunden schliesslich von Ihnen.
Und Kostensenkungsprogramme für die UBS wären, trotz ihrer überproportional angesteigener Kosten, doch so unzumutbar anstrengend. Kosten senken soll doch bitte sehr der Staat selber machen. Personalstopp für den Bund sofort! Ich verstehe. Ist ja egal, dass der Personalaufwand nur gerade lumpige 8% der Gesamtausgaben des Bundes ausmachen und der Anteil seit Jahren konstant ist. Dann doch lieber die bewährte Erfolgs-Strategie UBS: Der Staat rettet durch Steuersenkungen die UBS-Renditen und damit stärkt sich die Schweiz selber. Ha, wie raffiniert.

 

Werter Herr Ermotti, da bleibt mir nur noch zu sagen: Willkommen im Politiker-Club.

 

Buonanotte e buona fortuna, Ihre Jacqueline Badran

 

 

PS: Übrigens hätte ich da noch einen Tipp für Sie – so von Politikerin zu Politiker. Der Toni Brunner von der SVP redet von einem «Deregulierungs-Pakt» mit Ihnen. Der hat das nicht ganz gecheckt. Sie wollen ja nur Steuergeschenke, um Ihre versprochene Eigenkapitalrendite von 15% zu garantieren. Fragen Sie ihn doch einmal, ob er Hand bieten würde, Ihr gefordertes Anrecht auf Eigenkapitalrendite als Grundrecht in der Europäischen Menschenrechts-Konvention (EMRK) einzubringen. Ganz schön listig wäre das.

 

* Ehm, also genau genommen kostete uns Steuerzahler Ihre Rettung rund 19 Milliarden, hätte die Nationalbank anstatt Ihnen Ihre toxischen Papiere abzunehmen die gleiche Summe in Aktien parkiert. Aber ist ja auch egal, jetzt wo alle glauben wir hätten mit Ihnen ein Geschäft gemacht.