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Die Schlacht am Morgarten und der Gemeinnutz

Publiziert in der «Schweiz am Sonntag» vom 22.03.2015.

Vorweg: Ich bin keine Historikerin. Ich bin Ökonomin und Naturwissenschafterin – genauer Biologin. Als solche mag ich es präzis, nicht verklärend. Deshalb habe ich mich selber auf die Spurensuche nach unseren Traditionen begeben, nach Identitätsmerkmalen, nach dem, was die Schweiz im Innersten zusammenhält. Als Immobilien- und Bodenpolitikerin setze ich mich vehement für die Expansion von gemeinnützigen Wohnbauträgern ein. Mitunter wird mir von rechten Parteien vorgeworfen, ich importiere kommunistische Prinzipien.

Die Suche führt schnell ins Jahr 1315 zur Schlacht von Morgarten. Einer der Gründe für die kriegerische Auseinandersetzung war ein Grenz- und Boden-Nutzungskonflikt (Marchenstreit) zwischen der Landkorporation respektive Genossame im Gebiet des heutigen Kantons Schwyz und dem Kloster Einsiedeln, das unter der Schirmherrschaft der Habsburger stand. Es gab damals noch keine politisch gefestigten Gebietskörperschaften wie heutige Gemeinden oder prästaatliche Territorien, sondern Personenverbände vornehmlich aus Bauern, deren Führungsgruppen ihre innere Vorrangstellung halten wollten.

In den Gebieten Uri, Schwyz und Nidwalden gab es (heute noch existierende) Korporationen, die sowohl aus dem Bedürfnis zur Friedenssicherung als auch aus gemeinwirtschaftlicher Notwendigkeit entstanden. Holz und Weideland für die Viehwirtschaft waren Mangelware und mussten gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. Im Verständnis der Korporationen stand das Gemeinwesen stellvertretend für Rechtsprivilegien (wie etwa die Reichsfreiheit), für einen Pool korporativ zu nutzender Güter wie Holz, Wasser und Weideland, für eine kollektive Ressource, die nach fairen Regeln bewirtschaftet und verteilt werden musste.

Diesem Prinzip der Gemeinnützigkeit stand – vereinfacht gesagt – das Prinzip des territorialen Grossgrundbesitzes gegenüber, dessen Nutzen vornehmlich den Feudalherren zugutekam. Überspitzt kann man sagen: Die Schweiz-Werdung hat mit einem Streit um zwei verschiedene Bodennutzungs- und Herrschaftsprinzipien begonnen: Gemeinnützigkeit versus aristokratischer Feudalbesitz. Damit wurde eine kommunale Entwicklung begonnen, deren Lebensprinzipien der ständisch-feudalen Herrschaft diametral entgegengesetzt sind.

Dieses korporative und von Pragmatismus geprägte Staatsverständnis zieht sich bis heute tief in alle Lebensbereiche hinein. Beispielsweise waren die Entschädigungen aus den Sold- und Bündnisverträgen mit den Franzosen nicht einer schmalen aristokratischen Herrschaftsschicht vorbehalten. Die Gelder wurden an die Bürger und Bauern verteilt als Gegenleistung für ihre Wahlstimmen und der Aristokratie gewährten Privilegien der Ämter. Entscheidend am schweizerischen Modell war, dass der Staat genossenschaftlich gedacht war. Das korporative Verständnis implizierte, auch strittige Fragen und Konflikte über Verfahren des Aushandels zu klären. Durch urkundlich gesicherte Kooperationsverträge und wechselseitige Hilfsverpflichtungen gelang es, adlige sowie kirchliche Ansprüche und Zuständigkeiten zu verdrängen.

Es ist kein Zufall, dass heute unsere Alpwirtschaft, die Milchverwertungsorganisationen, ja unsere Coop und Migros, gewichtige Teile des Bank- und Versicherungswesens genossenschaftlich und unsere Wasser- und Stromversorgung, Bildung, Gesundheits- und Sicherheitsversorgung gemeinnützig-staatlich organisiert sind. Niemand muss auf essenzielle Güter Gewinn an Privateigentümer abliefern. In der ganzen Schweiz existieren noch heute Korporationen und Burger-Gemeinden, die weit bis ins 13. Jahrhundert hinein zurückzuverfolgen sind.

Wenn von rechts behauptet wird, dass schweizerische Mythen der Vergangenheit handlungsanleitend für die heutige Politik sein müssen, dann sollten es tief verankerte Prinzipien erst recht sein. In dieser Logik müsste die Rechte konsequent für einen starken öffentlichen Dienst und für die gemeinnützige Bewirtschaftung von Boden und Immobilien eintreten. Sie tut aber das Gegenteil. Sie propagiert Privatisierungen, wo der Nutzen essenzieller Güter in die Hände einiger weniger fliessen soll. Sie steht ein für die Privilegien-Wirtschaft, in der eine bestimmte Klasse bevorteilt wird, wie zum Beispiel bei der Pauschalbesteuerung, der privilegierten Dividendenbesteuerung oder bei den Konzern-Privilegien. Und sie wehrt sich nicht gegen die Börsenkotierung unserer Immobilien und den Ausverkauf unserer Heimat. Kurz: Ausgerechnet die Rechte unterstützt die modernen Landvögte.

Und das, obwohl die Vergangenheit uns lehrt: Der Gemeinbesitz ist Grundlage unserer politischen Kultur seit den Anfängen. Genossenschaften sind Kulturgut. Und das ist kein Mythos, sondern kann als erwiesen angesehen werden.

Vor einem Jahr war ich auf der Engstlenalp im Berner Oberland. Um ganz nach hinten ins Tal zu gelangen, muss man Wegzoll zahlen an die Weggenossenschaft Engstlenalp. In der Alpkäserei fragte ich die Verkäuferin, ob die Käserei eine Genossenschaft sei. Sie sah mich staunend an und meinte: «Ja sicher, andersch geits nid.» Als ich nachfragte, was sie damit meine, sagte sie: «Müester mer no öpperem Gwünn ablifere, dänn hetet mir gar nüt meh.» Ich bin mir sicher, die Dame wählt SVP.