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Die Gentrifizierung bin ich (Kolumne «Wohnen» April 2018)

Publiziert in der Zeitschrift «Wohnen» im April 2018

Die Gentrifizierung bin ich

 

Gehen Sie ab und zu ins Kino? Dann empfehle ich Ihnen folgenden Film, der zur Zeit im Kino läuft: «Die Gentrifizierung bin ich – Beichte eines Finsterlings» von Thomas Hämmerli. Darin beschreibt der Regisseur seine autobiografische Reise durch seine Wohnwelten. Angefangen mit der Jugend in Zürichs Villenquartier, vom Hausbesetzer zur Juppie-Wohnung, dann rund um den Globus von der Pariser Dächer-Romantik via einem gutbewachter Hochhauskomplex für Reiche in San Paulo, mit Zweitwohnungen in Mexiko und Georgien, um zurück in einer Zürcher Eigentumswohnung zu landen. Der Film ist unterhaltsam, eindrücklich und witzig. Aber auch selbstkritisch; zeigt er doch auf, wie sich privilegierte Schweizer, die sich schöne Wohnungen und Gegenden aussuchen können, zu Preissteigerungen beitragen und so die Unterprivilegierten erst recht in die Armut treiben, weil sie sich die hohen Mieten nicht leisten können und so in Elendsviertel vertrieben werden. Genau so versteht sich der Film-Titel: Die Gentrifizierung – also die Verdrängung von finanziell schlechter-gestellten Menschen durch die Oberschicht – bin ich.

 

Verdichtung als Rezept

Natürlich fehlt die politische Botschaft im Film nicht. Überspitzt lautet sie: Verdichtung durch Bauen in die Höhe als Rezept gegen hohe Mieten und somit die Gentrifizierung. Das ist natürlich doppelter Unsinn. Erstens sind Hochhäuser niemals und nirgends auf der Welt die dichteste Wohnform, sondern Altstädte sind drei mal dichter und sechs-geschossige Blockrandüberbauungen sind doppelt so dicht wie Hochhäuser. Zum Zweiten sinken die Mieten in den attraktiven Zentren nicht weil man  mehr Menschen draufpackt, höher baut und jeden Quadratmeter zubaut. Das erhöht nur die Renditen der Immobilieneigentümer, weil es in den Zentren immer eine Übernachfrage nach Wohnraum gibt. Wer dies nicht glaubt, soll sich einmal die exorbitanten Mietpreise in den ultradichten Metropolen anschauen wie Paris, New York oder London. Und besonders dicht sind 300 Quadratmeter-Wohnungen für die Reichen in diesen Metropolen auch nicht.

Schweizerischer «Dichtestress» als rechtsnationale Erfindung

Die weitere politische Botschaft beschreibt der Regisseur und Autor Thomas Hämmerli den oft hervorgebrachten «Dichtestress» als Erfindung rechtsnationaler Kreise. Ich persönlich habe so meine Mühe damit. Es gibt auch so etwas wie Baukultur, die sehr lokal oder national sein kann. Ich bin froh darüber, dass es in Holland anders aussieht als in Portugal, in Bern anders als in NewYork und in Italien anders als in Singapur.  Weil augenfällig anders gebaut wird. Die Vorstellung, dass es überall gleich aussieht und seelenlose Hochhaus-Renditeobjekte das Land überziehen ist mir ein Gräuel. Einen Vorgeschmack liefert einen Blick in unsere schnellwachsenden Agglomerationen. Ich finde es toll, dass Städte und Länder ihren ganz eigenen Charakter haben. Zudem gibt es das Phänomen des «Dichtestress» ohne Zweifel. Die Schweiz wächst ja bevölkerungsmässig rasend schnell. Wir kommen kaum nach mit der Infrastruktur. Schulhäuser, Badis, Strassen und Züge sind übervoll. Interessanterweise befasst sich der Film selber mit dieser Zwiespältigkeit. Eine Szene zeigt, wie der Regisseur mit seiner hochschwangeren Frau im Taxi stundenlang im chronischen Megastau durch San Paolo fährt, um ins Spital zu gelangen. Ich jedenfalls finde es Lebensqualität pur, dass ich in einer Stadt leben darf, wo ich ins nächste Spital nicht länger als 10 Minuten brauche – egal zu welcher Tageszeit. Ich jedenfalls möchte nicht zu Stosszeiten in Menschenmengen durch die Strassen und U-Bahnen geschoben werden, wie dies in vielen Metropolen der Fall ist. Ich jedenfalls finde es unzumutbar, dass man den normalen Menschen zuruft: Rückt doch ein wenig zusammen, damit die Superreichen in 300 m2 Wohnungen in den schönen Hochhäusern leben dürfen, wie das in vielen grossen Städten der Fall ist.

 

Mehr Dezentralisierung

Mein politisches Gegen-Rezept ist klar. Wir brauchen das Gegenteil von Ultraverdichtung mittels Hochhäusern (die ja gar nicht besonders dicht sind) in den Zentren. Nötig ist eine Abkehr von der seit Jahrzehnten andauernden verkehrten Siedlungspolitik der Zentralisierung der Arbeitsplätze und der Ausbreitung von Wohn- und Fernsehstätten aufs Land, die über ausufernde Strassennetze (die grössten Flächenfresser der Schweiz) mit Einkaufszentren und Freizeittempeln verbunden werden. Das Gegenteil ist fällig: Eine Dezentralisierung der Arbeitsplätze, so dass die Menschen dort leben und einkaufen können wo sie auch arbeiten. Moderne Altstädte eben – natürlich gebaut von Genossenschaften.