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Beitrag in der NZZ am Sonntag «Und, wie war’s – das Fazit am Ende der Sommerferien»

Publiziert in der NZZ am Sonntag 18.8.2019

https://nzzas.nzz.ch/gesellschaft/sommerferien-und-wie-wars-ld.1502156

Und, wie war’s? Das Fazit am
Ende der Sommerferien

Prominente erzählen von ihrem Urlaub und anderen Strategien des Glücks.

«Im Kopf reise ich gerne vertikal»

Heute macht sie gerne Ferien im Kopf: Jacqueline Badran mit ihrer Mutter in den 1970er Jahren in Italien. 

Heute macht sie gerne Ferien im Kopf: Jacqueline Badran mit ihrer Mutter in den 1970er Jahren in Italien.

Jacqueline Badran, Politikerin

Ferien und ich – das ist so eine Sache. Mein Leben hat sich so ergeben, dass ich nie Zeit oder Geld hatte. Wahrscheinlich deshalb habe ich eine Art Trick entwickelt: Ich mache Ferien im Kopf. Das fiel mir leicht. Meine beiden Universitätsstudien habe ich unter anderem als Skilehrerin im Oberengadin finanziert. Sechzehn Winter habe ich unterrichtet und mir das so gestaltet, wie wenn das Ferien wären. Nach der Arbeit wurde einfach so getan, als ob ich selber ein Gast wäre. Mit Sonne und Traumlandschaft, dem Hobby als Beruf und der ansteckenden Partylaune der echten Touristen war das nicht schwierig.

Etwas mehr Phantasie braucht es schon bei mir zu Hause. Hilfreich dabei ist, dass ich nicht wirklich verstehe, warum Menschen in der Schweiz während der Sommerzeit wegfahren. Zürich im Sommer ist nämlich wie Ferien. Das irre Arbeitsweltsystem ist runtergefahren, so dass man selbst die Arbeit als Müssiggang empfinden kann. Der Verkehr ist halbiert und macht die Strassencafés lauschiger und das Leben ruhiger. Die Badis am See und Fluss sind wie Oasen aus dem Reisekatalog. Der Outdoorsport, ob Velofahren, Basketball oder Tennis, ist vor der Türe. Dazu ein bisschen leichte Sommerlektüre auf dem bepflanzten Balkon, und es fühlt sich an wie Ferien. Zur Verstärkung dieses Gefühls, habe ich letzte Woche selber Glace gemacht. Aus Milchreis.

Damit holte ich mir eine Ferien-Kindheitserinnerung zurück. Als Kind nämlich machte meine Familie im Sommer richtige klassische Ferien. Wir fuhren viele Jahre, wie Hunderttausende andere auch, nach Italiens Adriaküste ans Meer. Vorfreude pur, denn Lemonsoda, Lime (so ein quietsch-grün-gelbes Süssgetränk) und diese kleinen verpackten Panettoni mit Zuckerbömbeli obendrauf und Schokolade innendrin gab es damals nur in Italien. Das war phantastisch. Ich konnte alles machen, was mein Kinderherz erfreute. In hohen Wellen schwimmen, Wasserski fahren, Sandburgen bauen.

Meine ältere Schwester musste mich immer mitschleppen. Deshalb durfte ich mit den grösseren Kindern, die mich bald schon als ernstzunehmende Konkurrenz sahen, kickern oder Boccia spielen am Strand. Ich gewann oft, was grossartig und prägend war. Und dann gab es eben noch diese allabendliche Glace. Riso hiess es und war, wie der Name sagt, aus Milchreis. An keinem anderen Ort habe ich es je wieder bekommen.

Reisen bildet, so sagt man. Man lerne andere Kulturen kennen und damit andere Perspektiven. Das finde ich auch – irgendwie. Denn mein Leben brachte mich in die unterschiedlichsten Milieus, die aufzuzählen reichlich abenteuerlich erfunden erscheinen würde. So weitete ich meine Ferien im Kopf aus, indem ich mir ausmale, ich reise durch die soziale Vertikale (und nicht durch die geografische Horizontale), durch die verschiedenen Schichten unserer Gesellschaft. Heute würde man sagen, ich verlasse meine Filterblase, bereise und entdecke die unterschiedlichsten Quasi-Parallel-Kulturen. Hier vor meiner Haustüre.

Nach Jahrzehnten Realferien-Abstinenz ging ich aber tatsächlich auf eine Reise. Ich gewann an der Tombola des Jubiläums meines Bridgeklubs den Hauptpreis: eine Kreuzfahrt in die Karibik. Nachdem ich gerade fünf Jahre reichlich schlaflos ohne Pause für den Aufbau meiner Firma durchgearbeitet hatte, war ich überzeugt: Das ist ein Zeichen. Ich informierte meine Mitarbeitenden, dass ich tatsächlich und wirklich in die Ferien gehe. Und obwohl ich aus verschiedenen Gründen zum Fliegen ein ambivalentes Verhältnis hatte, bestieg ich wenige Wochen danach ein Flugzeug, um in einem gigantischen schwimmenden Dorf – inklusive Eisplatz und Eisrevue – durch die Karibischen Inseln zu kreuzen.

Vielleicht sollte ich wieder einmal an einer Tombola mitmachen. Oder ganz einfach mein selbsterfundenes Milchreis-Glace-Rezept verfeinern.