Kolumne #Korrigendum: Wir sollten die Budgets aller Medien verdoppeln, statt sie zu halbieren
4. Januar 2026Wir sollten die Budgets aller Medien verdoppeln, statt sie zu halbieren
Unser Weltbild ist geprägt durch die Geschichten, die wir lesen, sehen, hören. Doch wer erzählt diese noch, wenn Budgets für SRF und Zeitungen weiter schrumpfen?
Menschen lernen von Geschichten. Dies ist längst wissenschaftlich erwiesen. Vergessen Sie die ganzen Erziehungsratgeber Tipps wie Gehirnjogging, Transferlernen und all den Unfug. Lernen und Bildung von Intelligenz ist nicht eine Folge der Menge oder Dauer aktivierter Hirnzellen, sondern deren Fähigkeit, zwischen den rund 100 Milliarden Hirnzellen Querverbindungen herzustellen. Informationen werden besser verarbeitet und erinnert, wenn sie verschiedene Sinneskanäle gleichzeitig bedienen, die in unterschiedlichen Hirnarealen angesiedelt sind. «What fires together, that wires together» (etwa: Was zusammen funkt, verbindet sich zusammen) sagt dazu die Neurowissenschaft.
Wie wirkungsmächtig Geschichten sind, ist mir einmal mehr über die Festtage aufgefallen, während ich alte Schweizer Filme bei SRF geschaut habe. Etwa das «Palace Hotel» aus dem Jahre 1952, wo wesentlich sozialkritischer als heutzutage das Leben im Hotel aus der Perspektive des Personals erzählt wird. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die von der Hand in den Mund leben und Menschen bedienen, die nicht wissen wohin mit ihrem Geld und ihrer Zeit.
Wir lernen von Geschichten
Verloren diese Leute die Arbeitsstelle oder hatten einen Unfall, waren sie von gutmeinenden Arbeitgebern oder Verwandten abhängig. Nur in dem die Geschichten Gefühle auslösen, versteht man, wieso der Aufbau unserer Sozialversicherungen zwingend war. Würde man heute mehr solche Filme produzieren, statt glattgebügelter Hollywood-Netflix-Kitsch wäre die Akzeptanz unseres Sozialstaats wohl deutlich höher.
Und wie war das mit den Geschichten von Charles Dickens wie Oliver Twist? Sie haben vermutlich mehr beigetragen zur sozialen Revolution als die Schriften seines Zeitgenossen Karl Marx. Ohne dass Generationen von Kindern Geschichten wie die rote Zora oder Pipi Langstrumpf gelesen oder gesehen haben, wäre die Gleichstellung sicherlich viel langsamer fortgeschritten. Und Geschichten – vor allem fiktive – befeuern die Wissenschaft. Die künstliche Intelligenz des vermenschlichten Supercomputers mit Namen «Hal» aus Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey» stammt aus dem Jahre 1968.
Unsere Weltbilder, unsere Vorstellung von Menschen, Worte, die wir verwenden, sind geprägt durch die Geschichten, die wir lesen, sehen, hören. Kinder lernen durch Märchengeschichten, was gut und böse ist, weniger durch das, was ihnen die Eltern vorschreiben. Durch Erzählungen, nicht durch das Ausfüllen von Arbeitsblättern, lernen wir essenzielle Überlebensfähigkeiten, etwa wem wir vertrauen können.
Wer hat die Hoheit über die Geschichten?
Kinder können sich wieder konzentrieren, wenn ihnen Geschichten erzählt werden. Eindrücklich beweist das der Erfolg des Wissenspodcasts «Wissen mit Jonny», der acht bis zwölfjährigen Kindern allerlei Themen der Geschichte in 30 Minuten erklärt. Hunderttausende Kinder hören ihn.
Geschichten wurden über Jahrtausende mündlich überliefert und über die bildende Kunst. Seit die breite Bevölkerung lesen kann und moderne Techniken entstanden, übernehmen diese Aufgabe Bücher, Filme, Fotografie, Zeitungen, Radio und Fernsehen.
Und das bringt uns zu des Pudels Kern: Wer hat die Hoheit über die Geschichten? Und wer produziert überhaupt noch Erzählungen und Bilder, die irgendetwas mit Wahrhaftigkeit zu tun haben?
Mit Blick in die USA wo der orange Wüstling und seine maximal inkompetente Entourage Propagandageschichten rund um «alternative Fakten» erzählen, lernen wir einmal mehr, dass die Medien als Vierte Gewalt, die das Lügengeflecht aufdecken, zum Schweigen gebracht werden, Bücher und Museen zensiert werden und die Filmproduktion kontrolliert wird. Just im postfaktischen Zeitalter der Desinformationskriege, wo die Wahrheit noch zusätzlich durch künstliche Intelligenz drangsaliert wird, sehen wir uns konfrontiert mit einer in den letzten 20 Jahren stattfindenden Halbierung der Budgets der Zeitungen und anstehend einer Abstimmung über die Halbierung des Budgets unseres Radios und Fernsehens.
Aus falschen Geschichten lernen wir das Falsche
Wenn das so weitergeht, wer produziert denn Geschichten mit Bezug zur Schweizer Realität dann noch? Wer schreibt noch über Themen, die zwar relevant sind, aber wenige Klicks generieren? Wer erzählt uns vom Leben der Landfrauen, der Auswanderer oder einfach ganz alltäglicher Menschen, statt über Leute, die berühmt dafür sind, berühmt zu sein? Wer produziert dann noch anspruchsvolle satirische Geschichten statt Klamauk? Wer bringt dann noch Schweizer Musik in unsere Welt statt globale Hits? Wer produziert dann Serien, die Schweizer Geschichte darstellen, wie «Davos», «Frieden» oder «The Deal» (alle unbedingt gucken!)? Wer macht dann noch einen Dokfilm über das Unglück in Blatten? Welches eminent wichtige Archivmaterial des geschriebenen Wortes, des Bildes, des bewegten Bildes und des Tons hinterlassen wir für die Nachwelt?
Wenn die falschen Leute die falschen Geschichten erzählen, dann lernen wir das Falsche. Das ist nicht nur der Untergang unserer Demokratie, sondern unserer Gesellschaft als Ganzes. Schöne neue Welt. Auf dass dies weder 2026 noch sonst irgendwann eintreffen wird. In dem Sinne: Es guets neus Jahr, in dem wir die Budgets aller Medien verdoppeln, statt zu halbieren.
